Nach fast jedem Arbeitsunfall fällt früher oder später derselbe Satz: „menschliches Versagen“. Der Kollege war unaufmerksam, hat einen Schritt übersprungen, das falsche Ventil bedient. Der Fall gilt damit als geklärt - und genau das ist das Problem. Denn die Zuschreibung „Fehlerquelle Mensch“ erklärt nichts und verhindert nichts. Sie beendet die Ursachensuche an der Stelle, an der sie eigentlich erst interessant wird. Die kognitive Ergonomie dreht die Frage um: nicht „Wer hat versagt?“, sondern „Warum war dieser Fehler hier überhaupt möglich?“
01Warum „menschliches Versagen“ eine Sackgasse ist
Menschen machen Fehler - zuverlässig, vorhersehbar und unabhängig von gutem Willen. Aufmerksamkeit lässt nach, das Gedächtnis ist begrenzt, unter Zeitdruck und bei Routine schleichen sich Verwechslungen ein. Das ist keine Charakterschwäche, sondern eine Eigenschaft des menschlichen Denkapparats. Ein Arbeitssystem, das fehlerfreie Menschen voraussetzt, ist deshalb von Anfang an falsch konstruiert. Wer nach einem Vorfall nur ermahnt („künftig bitte aufpassen“), ändert an der Ursache nichts - der nächste Mensch wird denselben Fehler machen.
02Was kognitive Ergonomie bedeutet
Ergonomie kennen die meisten als Gestaltung von Stuhl, Tisch und Hebehilfe - also körpergerechtes Arbeiten. Kognitive Ergonomie macht dasselbe für den Kopf: Sie gestaltet Arbeit so, dass sie zu Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Entscheidungsverhalten des Menschen passt - statt gegen sie zu arbeiten. Grundlage ist die Arbeitswissenschaft: Die DIN EN ISO 6385 beschreibt die Grundsätze der Ergonomie für die Gestaltung von Arbeitssystemen, die DIN EN ISO 10075 behandelt speziell die psychische Arbeitsbelastung („mental workload“) - also Über- und Unterforderung, Ermüdung und Monotonie.
03Das Recht denkt längst in Systemen
Diese Sicht ist keine Theorie, sondern deckt sich mit den allgemeinen Grundsätzen des § 4 Arbeitsschutzgesetz:
- Nr. 1: Die Arbeit ist so zu gestalten, dass eine Gefährdung für Leben sowie physische und psychische Gesundheit möglichst vermieden wird.
- Nr. 2: Gefahren sind an ihrer Quelle zu bekämpfen.
- Nr. 3: Zu berücksichtigen sind der Stand von Technik, Arbeitsmedizin und Hygiene sowie gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse.
Auch die bekannte Maßnahmen-Rangfolge, das STOP-Prinzip (Substitution – Technik – Organisation – Person), sagt nichts anderes: Personenbezogene Maßnahmen wie Ermahnen, Appellieren oder Unterweisen stehen ganz am Ende - sie sind die schwächste Stufe, weil sie allein auf richtiges Verhalten hoffen. „Sei vorsichtiger“ ist keine wirksame Schutzmaßnahme.
KernpunktWer den Menschen zur Fehlerquelle erklärt, greift zur schwächsten Maßnahme (Verhalten) - und überspringt die wirksamen davor (Substitution, Technik, Organisation). Kognitive Ergonomie setzt genau dort an, wo das STOP-Prinzip zuerst ansetzen will.
04Fehlertolerant gestalten - konkret
Das Ziel ist nicht der perfekte Mensch, sondern ein System, in dem der wahrscheinliche Fehler entweder gar nicht möglich ist oder folgenlos bleibt. In der Praxis heißt das:
- Fehler technisch unmöglich machen (Poka-Yoke) - Stecker, die nur richtig herum passen; Verriegelungen, die den falschen Griff sperren.
- Eindeutigkeit schaffen - klare Kennzeichnung, unverwechselbare Farben und Formen statt ähnlicher Schalter nebeneinander.
- Gedächtnis entlasten - Checklisten und feste Abläufe, damit nichts „im Kopf“ behalten werden muss.
- Überlastung reduzieren - Zeitdruck, Dauerlärm, ständige Unterbrechungen und Multitasking sind Fehlertreiber, nicht Nebensächlichkeiten.
- Auch Unterforderung ernst nehmen - Monotonie und lange Wachsamkeit ohne Ereignis führen zu Aufmerksamkeitslücken.
05Was das für Ihren Betrieb bedeutet
Der wichtigste Hebel ist die Haltung nach einem Beinahe-Unfall. Die Frage „Wer war schuld?“ führt zu einer Ermahnung und danach zum nächsten Vorfall. Die Frage „Warum war der Fehler hier möglich - und wie gestalten wir ihn weg?“ führt zu einer echten Verbesserung. Das setzt eine Fehlerkultur voraus, in der Beinahe-Unfälle gemeldet werden, ohne dass jemand Konsequenzen fürchten muss - denn nur gemeldete Fast-Fehler kann man auswerten. Kognitive Ergonomie ist damit kein Zusatzthema, sondern die konsequente Umsetzung dessen, was das Arbeitsschutzgesetz ohnehin verlangt: die Gefährdung an der Quelle beseitigen, statt sie dem Menschen anzulasten.
Sie häufen sich wiederholende „Flüchtigkeitsfehler“, deren Ursache nie verschwindet? Ich schaue mir Ihre Abläufe an und finde die Stellen, an denen sich Fehler wegkonstruieren lassen.
Unverbindlich anfragen